Zeugnis einer Lebensreise

Der Bildhauer gestaltet, was nicht gesagt werden kann – nicht mit einem Wort, nicht in Sätzen. Früher, als Lesen und Schreiben noch kein staatlich verordnetes Schulfach war, haben die einfachen Menschen ihr Wissen aus der Armenbibel bezogen. An den Kirchen und Palästen haben Skulpturen und Gemälde das menschennotwendige Wissen zum Leben vermittelt. Das Deuten von Bildern war Allgemeingut der Menschen. Versuche daher auch Du, Besucher dieses Skulpturengartens, die Artefakte zu verstehen und zu deuten, ohne Umweg über Worte und Sätze. Die intensive Beschäftigung mit dem Werk wird Dich an das Werk und seine Botschaft heranführen.

Jan Skuin – der sehr zeitig zu künstlerischer Eigenständigkeit gelangte – beschäftigt sich mit den bildnerischen Deutungen der Zeitläufte in der gegenwärtigen Welt. Die knapp applizierten Bildtitel an den Skulpturen sagen darüber wenig aus – beginne also gleich mit Deiner eignen Deutung. Zum Beispiel: „Das sitzende Buch mit Frucht“ – mach einen Ausflug in die jüngere Geschichte und Du stößt auf die Bücherverbrennung der Nazis in deutschen Städten. Das sitzende Buch mit dem draufliegenden Apfel der Erkenntnis bedarf keiner weiteren Bewortung und wenn doch, denke länger darüber nach. Und worauf sitzt das quirlige Buch? Auf der Axt, hier zu einem ästhetischen Gegenstand verwandelt und allzeit ungefährlich. Sieg des Buches über die Gewalt. Das Spaltwerkzeug Axt ist noch einmal in einer Skulptur des Gartens eingelassen; eingewachsen in einem Baum. Also auch hier deaktiviert. Der Baumwuchs strebt noch zweigeteilt in die Höhe, jedoch aus einer Wurzel gespeist. Man fühlt sich an Willi Brandts Worte erinnert: ‚Nun wächst zusammen, was zusammen gehört’, gesagt anno 1990. Jan Skuin hat mit der „passiven Axt“ für die Kunstpraxis der Zeit ein neues i Zeichen dafür geschaffen, wie friedvoll Waffen entschärft werden. Ein anderes hoch aktuelles Thema ist für Jan Skuin die Vereinigung der Deutschen nach 40jähriger Spaltung. Dreimal ist es im Skulpturengarten präsent, ebenso oft in öffentlichen Anlagen: Das deutsch-deutsche Paar, zwei Menschen in herzlicher Umarmung und tänzerischer Leichtigkeit ist mit persönlichen Erlebnissen verflochten. Der von Grenzern erwischte Mauerspringer verarbeitet hier auch ein privates Schicksal. Es kommt ihm darauf an, zu zeigen, wie einmalig friedlich ein epochales Weltereignis wie es der kalte Krieg darstellte, vonstatten ging. Der belesene Künstler lässt sich bei seinen künstlerischen Erkundungen und Studien von einer religiös unterlegten Liebe zum Menschen leiten. Er empfindet er es als notwendig, die elementarsten Menschenrechte wie das Essen und Trinken mit dem Schwert zu schützen. So darf das durch den Opferaltar dringende, in die Erde gerammte Schwert gedeutet werden. Demutsvoll steht man vor diesem Bildwerk und ist verblüfft, wie einfach schier unlösbare Weltängste erklärt werden können. Als Jan Skuin den Roman „der Meister und Margarita“ von dem russischen Dichter Michail Bulgakow gelesen hatte, begriff er schlagartig die ambivalente Rolle des Satan in der Menschheitsgeschichte: Als Gegenspieler Gottes kann er Gutes bewirken, obwohl er Böses will. „Willst Du nicht so gut sein, einmal darüber nachzudenken, was Dein Gutes täte, wenn das Böse nicht wäre und wie die Erde aussähe, wenn die Schatten von ihr verschwinden?“ fragt Bulgakows Satan. So sehen wir in der Hommage an Bulgakow einen heiteren Tatmenschen, der sich hinter einer goldenen Teufelsmaske verbirgt. Jan sucht mit seinem künstlerischen Agens nach einer Form der Überwindung des Bösen. Darin hat er Erfolge, z.B. in „Faun und Flöte“ dem er den Spruch beigibt „Es ist einfacher ein Vermögen zu erringen als einen glücklichen Tag zu erleben“ oder in der Kleinplastik der Jeanne d’Arc. Er geht tolerant, demutsvoll mit den Verlierern des Menschlichen um, erlebbar in der Gruppe gefallener Kreaturen, die in Trümmer-Fragmenten einst menschlicher Behausungen der Zivisilisation entzogen sind. Der Form nach sind sie bereits entmenscht und somit nicht zu bedauern. Es mögen einstmals Mörder, Vergewaltiger, Söldner gewesen sein. Der Bildhauer vermeidet es, Mitleid oder Abscheu beim Betrachten auszulösen. Täglich berichten die Medien von den Nachtseiten des von Menschen bewohnten Planeten. Das Bewusstmachen der Unvollkommenheit der Welt ist legitim, Sentimentalität ist unangebracht. Der Gang durch den Skulpturengartens könnte enden vor dem geerdeten turmförmigen „Traum vom Fliegen“, dieser uralten Menschheitssehnsucht nach der Überwindung der Schwerkraft. Der Korpus erinnert an die Spitze einer Kathedrale. Bert Brecht hat diesen Traum in einem Kinderlied besungen, in dem „Schneider von Ulm“. Auf geradezu poetische Weise erzählt Jan’s Skulptur davon, wie sich ein Junge behutsam und ohne Furcht auf Erkundung begibt.

Der Besucher wird oft seine Blicke in die Höhe richten, einige Figuren verlangen das. Er sieht dabei ein große Himmelszeit, das von den mächtigen Kiefernstämmen getragen wird und so einen einzigartigen Erlebnisraum für die Skulturen des Jan Skuin erstehen lässt. Mit diesem naturbelassenen Garten, der hinter einer geschmiedeten, heiter-beschwingtem Pforte beginnt, hat der Künstler seiner Heimatgemeinde einen Ort der Stille und Besinnens geschenkt.


Dr. Günter Meier
(Kunsthistoriker)